Programmheft April 2026

Programmtext

Die Neue Philharmonie lädt zu einem Konzertabend ein, der Natur, Erzählkraft und Virtuosität vereint. Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 6 „Pastorale“ entfaltet eindrucksvolle Klangbilder von Landschaft, Ruhe und Bewegung. 

Dem gegenüber steht das Bratschenkonzert von Lutz Schumacher: ein dreisätziges Werk für Viola und Orchester a-Moll, das als Hommage an „schöne, alte Dinge“ barocke und kirchenmusikalische Anklänge mit einer opulenten, emotionalen Klangsprache verbindet und der oft unterschätzten Bratsche Raum für große Ausdruckskraft zwischen Träumen, Weinen und Lachen gibt – interpretiert von der jungen spanischen Bratschistin Luz Elisabeth Sanchez. 

Abgerundet wird das Programm durch Gioachino Rossinis mitreißende Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“, die Spannung und dramatische Energie versprüht.

Lutz Schumacher führt moderierend durch den Abend und gestaltet ihn gemeinsam mit Andreas Schulz auch als Dirigent.

Vorwort

Liebe Konzertbesucherin, lieber Konzertbesucher,

ich freue mich sehr, Sie erneut bei unserer Frühlingskonzertreihe „Stadt.Land.Klassik!“ willkommen zu heißen!
Wenn die Natur zu neuem Leben erwacht, zieht es auch uns hinaus ins Freie: Das Auge sucht das sanfte Grün der Landschaft, das Ohr lauscht dem Vogelgezwitscher. In Ludwig van Beethovens 6. Sinfonie verwandelt sich diese Sehnsucht zur Musik und wir erleben diese feinsinnige Klangmalerei heute gemeinsam mit Ihnen und dem Orchester der Neuen Philharmonie MV.

Ein Highlight des Abends ist die Uraufführung von Lutz Schumachers Bratschenkonzert. Die spanische Solistin Luz Elisabeth Sanchez präsentiert dabei die unterschätzte Viola mit emotionaler Tiefe und virtuoser Ausdruckskraft. Auch Rossinis Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“ trägt mit ihrer atmosphärischen Dichte und dem berühmten Finale zur heutigen Aufbruchstimmung bei, denn kaum ein anderes Werk verbindet lyrische Naturstimmung und dramatische Energie so eindrucksvoll.

Mein besonderer Dank gilt dem Land Mecklenburg-Vorpom-
mern, dem Vorpommern-Fonds, Stefan Schröder, Notus Energy und der Nordkurier Mediengruppe für die freundliche Unterstützung – und Ihnen, unserem treuen Publikum, für Ihr Kommen, Ihre Neugier und Ihre Offenheit für neue musikalische Welten.

Ihr

Andreas Schulz

Künstlerischer Leiter der Neuen Philharmonie MV

Programm

 
Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 („Pastorale“)
I. Allegro ma non troppo
II. Andante molto moto
III. Allegro
IV. Allegro
V. Allegretto
 
– Pause –
 
Lutz Schumacher (geb. 1968)
Konzert für Viola und Orchester a-Moll, op. 3
I. Allegro
II. Andante
III. Rondo Vivace
 
Gioachino Rossini (1792-1868)
„Wilhelm Tell“-Ouvertüre
 
 
Orchester:
Neue Philharmonie MV
 
Moderation:
Lutz Schumacher
 
Dirigenten:
Andreas Schulz, Lutz Schumacher

Lutz Schumacher

Lutz Schumacher (geb. 1968) ist ein Multitalent im originären Sinn. Neben seiner Karriere im Medienbereich als CEO der SV-Gruppe und Geschäftsführer von Schwäbisch Media ist er Autor erfolgreicher Bücher, die es bis in die Spiegel-Bestsellerlisten schafften.

Seine Leidenschaft für die Klassik begleitet ihn schon seit der Schulzeit, als er seine ersten Stücke schrieb. Seit 2016 nimmt er professionellen Dirigierunterricht und hat seither weit über 60 Sinfoniekonzerte selbst geleitet. In den Konzertreihen von „Stadt.Land.Klassik!“ ist er zudem regelmäßig als Moderator im Einsatz, wobei er dem Publikum mit pointierten Einführungen und kurzweiligen Anekdoten den historischen Kontext der Werke näherbringt.

Lutz Schumachers musikalisches Wirken ist geprägt von einer engen Verbindung zur Neuen Philharmonie und neuen Ansätzen in der Vermittlung. Im November 2024 feierte seine Sinfonie Nr. 1, C-Dur, op. 2 ihre erfolgreiche Uraufführung durch die Neue Philharmonie. Das Werk ist eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit seiner Kindheit und seiner Großmutter, die seine Liebe zur Musik früh weckte.

Im heutigen Programm ist nun sein neuestes Werk zu erleben: die Sinfonie für Bratsche. Mit kreativen Projekten, wie etwa einer eigenen Textfassung von Prokofjews „Peter und der Wolf“ für Erwachsene, zeigt er immer wieder, wie man klassische Musik ohne Berührungsängste und mit viel Humor für ein breites Publikum öffnen kann.

Luz Elisabeth Sanchez

Die 2001 in Málaga geborene Bratschistin Luz Elisabeth Sánchez zählt zu den aufregendsten Talenten ihrer Generation. Ihr Weg führte sie nach einem Jungstudium in Dresden über Weimar an die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, wo sie derzeit bei Prof. Walter Küssner studiert. Als Preisträgerin zahlreicher internationaler Wettbewerbe, darunter der Virtuoso & Belcanto Competition und Jugend musiziert, hat sie sich bereits früh einen Namen in der internationalen Musikszene gemacht.

Ihre Konzerttätigkeit als Solistin und leidenschaftliche Kammermusikerin führte sie auf renommierte Bühnen wie die Berliner Philharmonie, die Elbphilharmonie Hamburg und das Concertgebouw Amsterdam sowie zu bedeutenden Festivals wie den Salzburger Festspielen und dem Beethovenfest Bonn. Wertvolle Orchestererfahrung sammelte sie unter anderem im Gustav Mahler Jugendorchester und der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Dirigenten wie Sir Simon Rattle und Christian Thielemann. Luz Elisabeth Sánchez ist Stipendiatin namhafter Stiftungen und spielt auf einer Bratsche von Patrick Robin (Paris, 2020).

LUDWIG VAN BEETHOVEN (1770-1827):

SINFONIE NR. 6 F-DUR OP. 68 („PASTORALE“)

„Mein Dekret: nur im Lande bleiben. Wie leicht ist in jedem Flecken dieses erfüllt! Mein unglückseliges Gehör plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche auf dem Lande: heilig, heilig! Im Walde Entzücken! Wer kann alles ausdrücken? Schlägt alles fehl, so bleibt das Land selbst im Winter wie Gaden, untere Brühl usw. Leicht bei einem Bauern eine Wohnung gemietet, um die Zeit gewiß wohlfeil. Süße Stille des Waldes! Der Wind, der beim zweiten schönen Tag schon eintritt, kann mich nicht in Wien halten, da er mein Feind ist.“
– Ludwig van Beethoven: Skizzenblatt 1815

„Mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“

Mit der 6. Sinfonie entführt uns Ludwig van Beethoven mitten in die Idylle des Landlebens. Doch was wir hören, ist weit mehr als das bloße Zwitschern der Vögel oder das Rauschen eines Baches. Beethoven selbst gab uns eine wichtige Lesehilfe mit auf den Weg: Die Musik sei „mehr Ausdruck der Empfindung als Malerei“.

Der Weg durch das Landleben (Die Sätze)
1. Satz: Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande
2. Satz: Szene am Bach
3. Satz: Lustiges Zusammensein der Landleute
4. Satz: Gewitter, Sturm
5. Satz: Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm

Ein Dialog zwischen Natur und Seele

Innerhalb von Beethovens Schaffen nimmt die „Pastorale“ eine Sonderstellung ein. Während seine anderen Sinfonien meist viersätzig und von heroischem Ringen geprägt sind, ist dieses Werk fünfsätzig angelegt und atmet eine tiefe, fast meditative Ruhe.

Ist es also Programmmusik? Die Antwort lautet: Sowohl als auch. Einerseits nutzt Beethoven eine ausgefeilte Klangmalerei, die es dem Zuhörer leicht macht, die Szenen vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Andererseits ist das Werk ein tief persönliches Porträt. In der Heiterkeit der Natur fand Beethoven einen Rückzugsort vor den Belastungen seines Alltags und seiner fortschreitenden Ertaubung. Die Musik spiegelt seine innere Harmonie und ein beinahe sommerliches Lebensgefühl wider.

Die „Schwestersinfonien“: Licht und Schatten

Interessanterweise entstanden die 5. Sinfonie (die berühmte „Schicksalssinfonie“) und die 6. Sinfonie im gleichen Zeitraum und erlebten am 22. Dezember 1808 in Wien ihre gemeinsame Uraufführung. Sie bilden ein komplementäres Paar: Wo die Fünfte mit dramatischer Wucht und existenzieller Verdichtung kämpft, entfaltet die Sechste eine weite, naturverbundene Gelassenheit – fast so, als stünden sich eine rastlose Stadtsinfonie und eine friedvolle Landsinfonie gegenüber.

Lutz Schumacher (geb. 1968):

Konzert für Viola und Orchester a-Moll, op. 3

Das dreisätzige Konzert für Viola und Orchester a-Moll ist eine Hommage an alte Zeiten, referenziert teilweise auf kirchenmusikalische oder barocke Elemente, entwickelt aber auch die opulente, filmmusikalische Klangsprache des Erstlingswerk, der Sinfonie von Lutz Schumacher, weiter und setzt erneut auf Humor, Emotion und Tonalität.

Der Komponist sagt über das Werk: „Es ist ein Stück über schöne, alte Dinge. Es setzt der momentanen Verunsicherung und Veränderung ein positives Bild entgegen und lädt zum Träumen, Weinen und Lachen ein. Im Mittelpunkt steht die Bratsche, ein völlig zu Unrecht leider häufig unterschätztes Instrument, das über eine enorme Bandbreite und Ausdruckskraft verfügt. Ich bin unglaublich gespannt, wie es live wirken wird.“

Gioachino Rossini (1792-1868):

Ouvertüre zur Oper „Guillaume Tell“ (Wilhelm Tell)

Vom Alpenfrieden zum Freiheitssturm

Mit der Ouvertüre zu „Wilhelm Tell“ begegnen wir einem der berühmtesten Werke der Musikgeschichte. Uraufführt im Jahr 1829 in Paris, markiert diese Ouvertüre nicht nur einen Teil der Grand Opéra und einen künstlerischen Gipfelpunkt, sondern auch Rossinis endgültigen Abschied von der Opernbühne. Während die gesamte Oper heute seltener in voller Länge aufgeführt wird, hat ihre Ouvertüre ein Eigenleben als eigenständige sinfonische Erzählung entwickelt.

Eine Parallele zu Beethoven

Obwohl zwischen Beethovens „Pastorale“ und Rossinis „Tell“ etwa zwei Jahrzehnte liegen, verbindet beide Werke ein gemeinsamer Geist: die programmatische Naturdarstellung. Doch während Beethoven die Natur als Spiegel der Seele betrachtet, nutzt Rossini sie als dramatische Kulisse für den Schweizer Freiheitskampf gegen die Habsburger. Wilhelm Tell wird hier zur musikalischen Symbolfigur für Unabhängigkeit und Widerstand.

Die vier Bilder der Ouvertüre
Rossini hat die Ouvertüre in vier charakterstarke Abschnitte unterteilt, die ohne Pause ineinander übergehen:

1. Die Idylle vor dem Sturm:
Der Beginn ist von ungewöhnlicher Intimität. Ein lyrisches Cello-Solo, begleitet von einer Gruppe weiterer Celli, besingt die ungetrübte Naturidylle der Alpen. Es ist fast kammermusikalische Musik, in der nur ein fernes Rollen der Pauken im Hintergrund an die drohende Gefahr erinnert.

2. Der entfesselte Sturm:
Die Ruhe wird jäh unterbrochen. Mit raschen Streicherfiguren, dramatischen Tremoli und pochenden Pauken entfacht Rossini ein klangmalerisches Gewitter. Dieser Sturm ist jedoch mehr als nur Wetter, er steht symbolisch für die Schicksalsschläge und den herannahenden Kampf des Schweizer Volkes.

3. Der Ruf der Berge:
Nach dem Gewitter kehrt die pastorale Stimmung zurück. Ein Duett von Englischhorn und Flöte erinnert an ein „Alphorn-Motiv“. Man sieht förmlich zwei Hirten vor sich, die sich in der wiederhergestellten Alpenidylle ihre Liebe versichern – ein Moment des tiefen Durchatmens.

4. Der Galopp in die Freiheit:
Das Finale gehört zu den mitreißendsten Momenten der Klassik. Eine Fanfare kündigt den berühmten Galopp-Rhythmus an. Diese extrem energiegeladene Musik ist der Inbegriff von Aufbruch, Siegesstimmung und dem triumphalen Freiheitskampf, der Wilhelm Tells Geschichte bis heute so unvergesslich macht.